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Leserbrief unseres 2. Vorsitzenden Dr. Kiechle

27.07.2017

Solide Ausbildung in den Naturwissenschaften


Dirk Walter: Mehr Geschichte am neuen G9; Bayern 21. Juli


Bayerns Gymnasium zurück auf dem Weg ins Mittelalter: Die schleichende Abschaffung der Naturwissenschaften im bayerischen Gymnasium ist brandgefährlich. Bayern ist wie kein anderes Bundesland und Deutschland wie kein anderer Staat von der industriellen Wertschöpfung abhängig. Motor für diese industrielle Wertschöpfung sind innovative Köpfe, die bei großen Konzernen , vor allem aber bei den zahllosen Hidden Champions des deutschen Mittelstands, die in ihren Bereichen Weltmarktführer sind, Produkte herstellen, die aufgrund ihrer Qualität und Exzellenz international trotz höherer Preise konkurrenzfähig sind. Fortlaufende (Weiter)-Entwicklung und konsequente Forschung sind unabdingbare Voraussetzung für diesen Wohlstand. Die Köpfe, die hinter diesen Entwicklungen stehen, wachsen aber nicht auf den Bäumen, sondern sind Resultat einer hervorragenden Ausbildung beginnend mit der Schule über die Universitäten und/oder die Betriebe. Im Gymnasium werden Weichen gestellt für die spätere Studien- bzw. Berufswahl. Nur wenn es gelingt, technisch und naturwissenschaftlich begabte junge Menschen bereits frühzeitig an die komplexen Herausforderungen einer globalisierten Welt heranzuführen, wird es gelingen, auch in Zukunft wirtschaftlich erfolgreich zu sein. Mit Verlaub, aber diese Herausforderungen lassen sich nicht lösen durch mehr Geschichtsunterricht, kreatives Malen oder Theateraufführungen in der dritten Fremdsprache. Hierfür bedarf es einer soliden Ausbildung in Deutsch, Mathematik, Englisch und eben den Naturwissenschaften. Leider betreibt Bayern seit Einführung des G8 vor acht Jahren eine Bildungspolitik, die zu einem schleichenden Verfall der naturwissenschaftlichen Grundbildung führt. Die Abiturientenzahlen im schriftlichen Abitur sind seither in Physik, Chemie und Biologie um 74 %, 83 % bzw. 92 % gesunken. Die Hälfte der bayerischen Gymnasiasten besucht zwar den naturwissenschaftlich-technologischen Zweig, ausgerechnet in einer Naturwissenschaft muss aber kein Abiturient in ganz Bayern eine Abschlussprüfung ablegen. Die Abbrecherzahlen in technischen und naturwissenschaftlichen Studiengängen sind denn auch die höchsten und verursachen Kosten in Milliardenhöhe jährlich. All dies hat seine Wurzel in einem humanistisch geprägten Bildungsideal des Kultusministeriums, das die Entdeckungen und Erkenntnisse der letzten 250 Jahre schlichtweg negiert und davon träumt, dass sich die Probleme von morgen durch Altgriechisch oder Latein lösen lassen. Freilich soll nicht nur Utilitarismus die Bildungsfrage beherrschen, aber für das Verständnis der großen Probleme unserer Zeit (Klimawandel, Energiewende, Umweltverschmutzung, Gesundheit, Ernährung, Mobilität) ist ein naturwissenschaftliches Grundverständnis unabdingbare Voraussetzung. Nur für naturwissenschaftlich kompetente junge Menschen macht der Satz von Immanuel Kant Sinn: „Habe den Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen“. Scientific literacy schützt wirkungsvoll vor Propaganda aus der linken und rechten Ecke und ermöglicht es auch erst, „fake news“ als solche zu erkennen. Bayern - wach auf. Sonst wird dich die Globalisierung unsanft aufwecken.


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