Unser Forderungskatalog



Die Forderungen des VCBG im Hinblick auf notwendige Veränderungen im G8 im Bereich des naturwissenschaftlichen Unterrichts:

Der Verband der Chemielehrer Bayerischer Gymnasien beobachtet mit großer Aufmerksamkeit und Sorge die Veränderungen, die mit der Umstellung vom G9 zum G8 an bayerischen Gymnasien einhergegangen sind. Durch sorgfältige Vergleiche des Kurssystems im G8 mit dem Kurssystem des G9, durch Gespräche mit Eltern und Schülern, durch den gedanklichen Austausch mit Fachkolleginnen und -kollegen und natürlich durch eigene Beobachtungen erkennt der Verband Defizite in wichtigen Bereichen der Naturwissenschaften, insbesondere in den Fächern Chemie und Physik, die umgehend durch geeignete Veränderungen beseitigt werden müssen.
Die Defizite können exakt benannt werden:
 
  1. Der Anteil der Schülerinnen und Schüler, die die Naturwissenschaften Physik und Chemie in der Qualifizierungsstufe des 8-jährigen Gymnasiums in Bayern belegen, befindet sich in einem deutlichen Abwärtstrend im Vergleich zum 9-jährigen Gymnasium (Vgl. Graphik).
Anteil der Chemieschüler ind Oberstufe

Seit die Naturwissenschaften Physik, Chemie und Biologie zusammen mit den musischen Fächern Kunst und Musik, mit Sport, Informatik und einer zweiten Fremdsprache in einen gemeinsamen Abiturtopf befördert wurden, nimmt der Anteil derjenigen Schüler ab, die naturwissenschaftliche Fächer als Abiturfach wählen. Innerhalb von acht Jahren (2008-2016) sank der Anteil bayerischer Abiturienten, die eine schriftliche Abiturprüfung in Chemie ablegten, um 84 Prozent (Vgl. unten stehende Graphik)!

Anteil der Abiturienten im Fach Chemie
 
Der massive Rückgang der Zahl der Abiturprüfungen im Fach Chemie (absolut und prozentual) ist trotz Verdreifachung der Zahl der Kolloquiumsprüfungen unter der Berücksichtigung der Einführung einer fünften Abiturprüfung umso bedenklicher.
  1. Die Vorgaben der Abiturprüfung verhindern die Möglichkeit Abiturprüfungen in zwei Naturwissenschaften abzulegen.
     
  2. Nach Abschaffung der Leistungskurse und ferner bedingt durch die hohe Stundenbelastung in der Qualifizierungsstufe sinkt der Anteil an eigenständiger experimenteller Tätigkeit im Rahmen des Chemieunterrichts.
Zur Stärkung der Ausbildung im naturwissenschaftlichen Bereich fordert der VCBG:
  1. Es muss insbesondere für Schüler des naturwissenschaftlich-technologischen Bereichs die Möglichkeit zur Wahl zweier Naturwissenschaften im Abitur angeboten werden. Eine in einer schriftlichen Abiturprüfung belegte Naturwissenschaft darf allerdings nur dann das Fach Mathematik ersetzen, wenn gleichzeitig ein zweites naturwissenschaftliches Fach in der Abiturprüfung belegt wird. Diese Alternative ist auch durch die KMK abgedeckt, da gemäß KMK nur in zwei Fächern mit erhöhtem Anforderungsniveau eine Abiturprüfung abgelegt werden muss, was durch die Fächer Deutsch und eine fortgeführte Fremdsprache bereits sichergestellt ist.
     
  2. Zwar kann man im Prinzip mit der Stundentafel in den Jahrgangsstufen 5-10 zufrieden sein, nur Mathematik müsste in der Mittelstufe gestärkt werden, um die grundlegenden mathematischen Kompetenzen für die Naturwissenschaften zur Verfügung zu stellen (Vorschlag: in Jgst. 8 4 Wochenstunden Mathematik dafür in der 2. Fremdsprache nur mehr 3 Wochenstunden). In den nicht-Naturwissenschaftlichen Ausbildungsrichtungen (nicht-NTG) werden durch die Vorgaben der Stundentafel die Schülerinnen und Schüler faktisch daran gehindert, in der 12. und 13. Klasse das Fach Chemie zu belegen.

    Begründung: Während der Lernende im NTG in der 11. Klasse sein 4. Lernjahr Chemie hat, setzt der Schüler aus dem nicht-NTG nach nur 2 Jahren Chemie in der 11. Klasse komplett aus. Da beide Schüler in der 12. Klasse dann im selben Kurs Chemieunterricht hätten, ist davon auszugehen, dass die Schülerinnen und Schüler des nicht-NTG kein Chemie in der 12. Klasse belegen werden.

    Deshalb schlagen wir vor, die Stundentafel in der 11. Jahrgangsstufe dahingehend zu ändern, dass unabhängig von der Ausbildungsrichtung eine für alle Schülerinnen und Schüler identische Stundentafel zum Einsatz kommt. Dieses hätte im Zusammenspiel mit einer Profil-gebundenen Oberstufe auch den Vorteil, dass alle Schülerinnen und Schüler sich begabungsgerecht neu orientieren können.
     
  3. Verpflichtende Ausstattung der Schulen mit einer ausreichenden Anzahl an Lehrerstunden, so dass die Schüler eine durch den Lehrplan ausgewiesene Unterrichtsstunde für eigenes Experimentieren erhalten. Vier Lehrerstunden in der Mittelstufe für Klassen im NTG-Zweig. Drei Lehrerstunden in der Mittelstufe für alle anderen Zweige, damit auch die Lernenden in den Nicht-NTG-Zweigen eigene experimentelle Erfahrungen machen können
     
  4. Anpassung der räumlichen und materiellen Ausstattung der Gymnasien an die Erfordernisse experimenteller Schülerleistung unter Beachtung der Sicherheitsstandards, damit eine ausreichende Praxisorientierung erreicht werden kann
Resümierend möchten wir darauf hinweisen, dass sich diese Forderungen mit einem Beschluss der Kultusministerkonferenz vom 07.05.2009 decken, der zur Stärkung der mathematisch-naturwissenschaftlich-technischen Bildung eine „Verbesserung der mathematischen und naturwissenschaftlichen Kompetenzen“ als Ziel ausgibt.
 
Eine vom Bundeswirtschaftministerium in Auftrag gegebene Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft prognostiziert für 2014 eine Bewerberlücke von über 200.000 Mathematikern, Naturwissenschaftlern und Ingenieuren in Deutschland. Die auf natur- und ingenieurwissenschaftliche Fächer zielende Studierfähigkeit der Abiturienten wird neben einer soliden gymnasialen Ausbildung im Fach Mathematik ganz wesentlich durch den Beitrag der Unterrichtsfächer Biologie, Chemie und Physik bestimmt. Als alarmierend betrachten wir deshalb das Vorgehen verschiedener Universitäten, die Eingangsstudenten wegen deren unzureichenden Ausbildung und der bestehenden Kompetenzmängel in naturwissenschaftlichen Fächern bereits Vorkurse oder ein Schnupperstudium einrichten, was zwar vorhandene Defizite ausgleichen hilft, den angestrebten Vorteil einer Schulzeitverkürzung jedoch wieder eindampft und den Abschluss „Abitur“ entwertet.
 
Gerne schließen wir uns der Meinung von Kultusminister Spaenle an, der betonte, der wirtschaftliche Erfolg unseres Landes hänge eng mit seiner Innovationskraft – auch und gerade im MINT-Bereich - zusammen. Doch die alleinige Erkenntnis, dass wir alles tun müssen, um unsere Jugendlichen frühzeitig für die Naturwissenschaften zu interessieren, reicht noch nicht! Es müssen auch solide Maßnahmen zu Erhaltung, zum Ausbau und zur geeigneten Förderung der Interessen seitens der Schule ergriffen werden.
 
In einer Zeit, in der sich unser Land zu einem leistungsstarken Zentrum für innovative Techniken und Naturwissenschaften entwickeln soll, werden in besonderem Maße gut qualifizierte Nachwuchskräfte benötigt. Diese resultieren vornehmlich aus einem stärker naturwissenschaftlich-technologisch geprägten Potenzial unserer Schüler und Studenten. Vor allem durch entsprechende Nachwuchsförderung lässt sich der Wirtschafts- und Technologiestandort Bayern stärken und dem Fachkräftemangel am besten entgegenwirken.

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