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VCBG zur Mittelstufe: die Kernprobleme bleiben

VCBG zur Mittelstufe: die Kernprobleme bleiben

22.05.2018

„Nicht nur die Chemie stimmt nicht!“ Das Kultusministerium und die CSU versuchen der Öffentlichkeit zu suggerieren, dass mit der Rückkehr zum G9 sämtliche Probleme des G8 quasi mit einem Federstrich gelöst werden. Dass dies mitnichten der Fall ist und die Kernprobleme des G8 nicht einmal im Ansatz gelöst wurden, wird derzeit schöngeredet, schließlich steht im Herbst die nächste Wahl in Bayern an. Die Entscheidung, auch im neuen G9 die zweite Fremdsprache sozusagen im Doppelpack genau ein Schuljahr nach der ersten Fremdsprache einzuführen, führt dazu, dass für die erste Fremdsprache schon im 2. Lernjahr nicht ausreichend Zeit zum Üben und Wiederholen zur Verfügung steht. Auch für wichtige Kernfächer wie z.B. Mathematik wird die Zeit zum Üben und Konsolidieren in der Unterstufe dadurch knapp. Fächer wie Geographie müssen deshalb aus der 6. Klasse komplett weichen. Auch im G9 wird daher den Eltern nichts anderes übrigbleiben, als den aus dem G8 allseits bekannten und beklagten „Doppelschlag Fremdsprache“ durch häusliche Nachhilfe in Form von Vokabelabfragen und Grammatikübungen abzufangen. Schülern aus bildungsfernen Elternhäusern wird der Zugang zum Gymnasium dadurch erneut erschwert. Fehlende Kenntnisse und ungesicherte Fertigkeiten aus der Unterstufenmathematik führen zusammen mit einer Stundentafel, in der auch im 3. Lernjahr der 2. Fremdsprache mehr Stunden als der Mathematik zugebilligt werden, dazu, dass für den naturwissenschaftlichen Unterricht notwendige Rechenfertigkeiten nicht zur Verfügung gestellt werden können. Obwohl dieses Problem schon seit 2012 im Kultusministerium bekannt ist, wird auch zukünftig der Physik- und Chemielehrer seinen Schülern die Taste auf dem Taschenrechner zeigen müssen, mit der die Wurzel gezogen oder der Zehner-Logarithmus errechnet werden kann, um z.B. die Geschwindigkeit aus der Bewegungsenergie oder den pH-Wert einer Lösung zu ermitteln. Um zu verstehen, was durch den Tastendruck im Taschenrechner passiert, fehlen den Schülern auch im G9 weiterhin die Grundlagen aus der Mathematik – das war im alten G9 anders! Jeder Realschüler wird auch nach der Einführung des G9 bis zur 10. Klasse mehr Mathematikstunden haben als der Gymnasiast. Bei Schülern aus dem mathematisch-naturwissenschaftlich-technischen Zweig der Realschule sind es knapp 6 Jahreswochenstunden, also fast 200 Mathematikstunden mehr. Das entspricht fast zwei Schuljahren Mathematik am Gymnasium! Schon jetzt sind deshalb Abiturienten, die über Realschule und FOS 13 den Weg in ingenieurwissenschaftliche Studiengänge gefunden haben, deutlich besser auf die Anforderungen von Studiengängen wie Elektrotechnik, Maschinenbau, sowie Physik und Informatik vorbereitet. Daran wird sich nichts ändern. Besonders kritisch erscheint die Entscheidung, neben dem Fach Biologie in der 11. Jahrgangsstufe auch das Fach Chemie für etwa die Hälfte aller Gymnasiasten pausieren zu lassen. Hier lässt sich durch langjährige Statistiken belegen, dass die Abiturienten der musischen, humanistischen, sprachlichen und wirtschafts-sozialwissenschaftlichen Gymnasien aus dem achtjährigen Gymnasium die großen Defizite in ihrer naturwissenschaftlichen Grundbildung im Studium häufig nicht schließen können. Die Chemie-Lücke in der 11. Klasse der nicht-naturwissenschaftlichen Gymnasialzweige wird dies noch verschärfen. Schüler, die ein Medizinstudium anstreben, müssen zuallererst einmal den Numerus clausus schaffen. Deshalb ist es ganz natürlich, dass sie z.B. das Fach Chemie in der 12. Klasse nicht wählen werden – schließlich hatten sie bis dahin 55% weniger Chemieunterricht als ihre Mitschüler aus dem naturwissenschaftlichen Gymnasium. In jedem anderen Bundesland haben die Schüler mehr Stunden in den Naturwissenschaften, und dies sogar auch dann, wenn sie sich gar nicht für ein naturwissenschaftliches Profil entschieden haben.


Die Stundentafel für das G9 ist in Kraft gesetzt. Kultusminister Sibler hat dabei erneut  -  wie schon sein Vorgänger  -  die Chance vertan, dringend notwendige Korrekturen vorzunehmen und das bayerische Gymnasium fit für die Zukunft zu machen. Die Herausforderungen der kommenden Jahrzehnte heißen Ressourcenschonung, Energiewende, Gesundheit und Arbeitsplatzerhaltung in einem von technischer Industrie geprägten Land. Entsprechende Fachkräfte sind dafür nötig. Das Kultusministerium rühmt sich oft damit, durch verschiedene Aktionen den MINT-Bereich an den Schulen zu stärken. Wenn es aber darum geht, dies auch nachhaltig und wirklich effizient durch eine entsprechende Stundentafel zu gestalten, vertut es seine Chance. Zwar hat der Kultusminister immer wieder betont, dass viele Verbände bei der Ausarbeitung der neuen Stundentafel einbezogen wurden, in Wirklichkeit war die Einflussnahme aber sehr einseitig. In den vergangenen Monaten haben zahlreiche Wirtschafts-, Hochschul- und Lehrerverbände das Kultusministerium aufgefordert, den Bereich Mathematik und Naturwissenschaften im Vergleich zu den Sprachen nicht zu vernachlässigen. Ihre Bedenken wurden jedoch in jeder Hinsicht ignoriert. Deshalb werden die Kernprobleme des G8 auch im G9 bestehen bleiben. Bildung für die Anforderungen der Zukunft sieht anders aus.


Jetzt ist es die Entscheidung der G9-Eltern, durch entsprechende Wahl des Gymnasiums die Weichen für ihre Zöglinge zu stellen. Wenn also Eltern ihrem Kind die Möglichkeit offenhalten wollen, erfolgreich Medizin oder Pharmazie zu studieren oder sich für ein anderes naturwissenschaftliches Studium zu entscheiden, dann muss man ihnen momentan ehrlicherweise empfehlen, ihr Kind nicht an einem musischen, humanistischen, sprachlichen oder wirtschafts-sozialwissenschaftlichen Gymnasium anzumelden. Das wäre aber unfair gegenüber diesen Gymnasialprofilen. Das Kultusministerium hat sich bewusst für die Vielfalt an den bayerischen Gymnasien entschieden. Trotzdem sollte dies nicht zulasten einer allgemeinen Hochschulreife erfolgen. Die Stundentafel des neuen G9 führt endgültig zur Entwertung des Abiturs. Absolventen der nicht-naturwissenschaftlichen Gymnasialzweige wird der Zugang zu den MINT-Fächern bewusst erschwert – und das in Zeiten, in denen der Bedarf an Beschäftigten im MINT-Bereich ständig steigt. Ein Umdenken bezüglich der Bedeutung der 2. Fremdsprache am Gymnasium tut Not – sie ist eben nicht das Alleinstellungsmerkmal des Gymnasiums. Der Forschergeist und die Kreativität, die von den naturwissenschaftlichen und musischen Fächern gefördert werden, ist die Grundlage für eine innovative und zukunftsfähige Bildung. Auswendiglernen allein war gestern, Herr Sibler! Die vom Kultusministerium angepriesene Förderung der digitalen Bildung wird ohne ausreichend Mathematik und das von den Naturwissenschaften angebahnte logische Denken Schiffbruch erleiden.




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